Von der Reizüberflutung zum Produktkonzept
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass unsere Umwelt zunehmend von Werbung und visuellen Reizen dominiert wird, während unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Die Neuromarketing-Forschung zeigt, wie gezielt Kaufentscheidungen unbewusst beeinflusst werden, etwa durch Ankereffekte, Blicklenkung oder emotionale Ansprache. Für uns stand damit fest: Es braucht ein Produkt, das Menschen die Kontrolle über diese Mechanismen zurückgibt.
Bei der Zielgruppenrecherche haben wir uns intensiv mit neurodivergenten Personen beschäftigt, etwa Menschen mit ADHS, Autismus, Dyslexie, Dyskalkulie, Dyspraxie, Tourette-Syndrom oder Zwangsstörungen. So unterschiedlich diese Diagnosen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Trigger und Bedürfnisse: Manche leiden vor allem unter Reizüberflutung durch Licht oder Lärm, andere kämpfen mit Impulskontrolle oder Orientierung. Diese Vielfalt hat uns klargemacht, dass ein Produkt niemals für alle Betroffenen zu 100 % passen kann. Statt einer Universallösung haben wir uns deshalb für ein hochgradig individualisierbares System entschieden, das über Filter und persönliche Einstellungen auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten werden kann. Als Rahmen dienten uns die Prinzipien von Calm Technology, Human-Centered Design, kritischer Reflexion der Attention Economy und Speculative Design.
Aus dieser Recherche haben wir eine Funktionsliste abgeleitet und priorisiert. Bewusst haben wir uns gegen invasive Funktionen und Shopping und Konsumassistenten entschieden um die Funktionen und Bedienung für den Alltag simpel und funktional sein, statt umfangreich und komplex. Ergänzt haben wir das Konzept später um einen Farbenblindheits-Filter, der eine weitere, nicht-neurodivergente Zielgruppe anspricht.
Konzept und technische Umsetzung
Technisch besteht ARIA aus den AR-Smartglasses und einer verbundenen Smartphone-App. Da die nötige Rechenleistung aktuell nicht sinnvoll direkt auf der Brille bereitgestellt werden kann, findet die Auswertung über das Smartphone statt. Auf der Brille selbst sorgen Kamerasensoren und ein Mikrofon für die Erfassung der Umgebung, ein Mikrodisplay sowie Bone-Conducting-Kopfhörer für die Ausgabe. Bedient wird die Brille über Touch- und Gestensteuerung: Die linke Seite regelt visuelle, die rechte Seite auditive Filter, während Ersteinrichtung und Individualisierung über die App erfolgen. Uns war dabei wichtig, die Bedienung so simpel wie möglich zu halten – ein Prinzip, das sich durch das gesamte Projekt zieht.
App-Prototyp
Den Prototyp haben wir in Figma umgesetzt. Nach einem Onboarding mit Erklärungen und Live-Vorschau der Filter können Nutzende auf dem Homescreen ihre Filter in drei Kategorien steuern: visuell, auditiv und unterstützend. Zu den unterstützenden Filtern zählen unter anderem der Farbenblindheits-Filter, eine gestengesteuerte Leseunterstützung sowie ein intelligenter Stressmodus, der über Herzratensensoren eigenständig Anpassungen vornimmt.
Branding und Corporate Design
Als fiktiven Hersteller haben wir die Marke joma entwickelt, die sich bewusst von klassischen Medizinmarken abgrenzt und stattdessen ein modernes, zurückhaltendes Erscheinungsbild verfolgt, um sowohl neurodivergente Personen als auch eine breitere Zielgruppe wie Digital Natives anzusprechen. Die Farbwelt folgt einer klaren Logik: Blautöne stehen für visuelle, Orangetöne für auditive Filter. Statt reinem Schwarz-Weiß-Kontrast setzen wir auf dunkles Grau und helles Grau, was besonders lichtempfindlichen Personen entgegenkommt, ohne die Lesbarkeit zu beeinträchtigen. Als Schriftart haben wir uns für die gut lesbare Inter entschieden. Insgesamt spiegelt das Corporate Design damit die Calm-Technology-Philosophie des Produkts auch visuell wider.
Webpage
Basierend auf einer Konkurrenzanalyse und einer klaren Informationshierarchie – mit dem Alleinstellungsmerkmal der Zwei-Touchpad-Bedienung an prominenter Stelle – haben wir eine begleitende Website entwickelt. Sie greift konsequent auf unser Corporate Design zurück und ergänzt es um die Akzentschrift Space Mono für Kapitel- und Abschnittskennzeichnungen, wodurch ein dynamischer, aber stimmiger Kontrast entsteht.
Video-Prototyp
Im Video zeigen wir zunächst drei alltagsnahe Situationen der Reizüberflutung, bevor wir die Lösung anhand konkreter Beispiele präsentieren – von der einfachen Bedienung bis zur Wirkung auf die Wahrnehmung.