Algorithmische Feeds glätten unseren Geschmack. Fundus gibt uns die Kontrolle zurück.

In einer Zeit, in der Plattformen bestimmen, was wir sehen, hören und kaufen, geht das Persönliche oft verloren. Fundus ist unser Service-Design-Konzept für eine Welt ohne „Feed-Fatigue“: Ein digitaler Ort, um Empfehlungen zu sammeln, zu kuratieren und bewusst mit echten Freunden zu teilen – ohne Werbung, ohne Tracking, ohne Lärm.

Der Impuls: Filterworld

Ausgangspunkt war die Kernthese aus dem Buch Filterworld von Kyle Chayka: Plattformen versuchen, Geschmack („Taste“) über Daten messbar zu machen. Was wir sehen, hören oder kaufen, wird zunehmend aus Klicks, Verweildauer und Interaktionen abgeleitet. Das wirkt bequem, führt aber oft zu einem Nebeneffekt: Alles fühlt sich ein bisschen ähnlicher an. Weniger echte Entdeckung, mehr Wiederholung.

Für uns war der entscheidende Punkt: Geschmack entsteht nicht passiv. Er entsteht, wenn man auswählt, vergleicht, ausprobiert – und wenn Empfehlungen Kontext haben. Daraus entstand unsere Leitfrage:

Kann ein Service menschliche Kuration wieder in den Vordergrund rücken, statt sie an Feeds auszulagern?

Das Problem: Cultural Flatness und Social Friction

In der Recherche kristallisierten sich zwei Probleme heraus:

Cultural Flatness

Algorithmische Feeds optimieren auf Aufmerksamkeit. Dadurch werden Inhalte bevorzugt, die gut „performen“ – nicht unbedingt die, die langfristig wertvoll sind. Kultur wird in der Folge an die Algorithmen angepasst und dadurch glatter und vorhersehbarer.

Social Friction

Empfehlungen scheitern oft nicht am Inhalt, sondern am Alltag: am Timing, am Kontext und am Wiederfinden. Das sind diese Momente, in denen jemand sagt: „Schick ich dir!“ – und der Link landet im Chat-Grab. Oder eine Empfehlung kommt genau dann, wenn man gerade keine Aufmerksamkeit hat. Ein Party-Song am Freitagabend funktioniertm, am Montagmorgen im Büro verpufft er.

Dazu kommt: Empfehlungen leben heute in Silos. Chats, Tabs, „Saved“-Ordner, Notizen – alles getrennt, nichts zuverlässig wieder auffindbar, sobald man es wirklich braucht.

Die Idee: Ein zentraler Ort für bewusste Nutzung

Fundus setzt nicht auf mehr Vorschläge, sondern auf bessere Nutzbarkeit. Das heißt: Inhalte werden nicht als endloser Stream behandelt, sondern als Sammlung, die man bewusst öffnet.

Sammeln statt Scrollen
Fundus ist kein Feed. Es ist ein Archiv. Nutzer:innen legen Dinge ab, ohne dass daraus sofort ein Post werden muss. Speichern soll so leicht wie möglich sein – zum Beispiel durch automatisches Befüllen einer Karte aus einer URL (Metadaten) und einfache Tag-Vorschläge.
Entdecken als Stapel, nicht als Stream
Neue Empfehlungen landen in einem Entdecken-Stapel. Chronologisch, bewusst begrenzt, ohne Algorithmus. Die Idee dahinter: Man „arbeitet“ Empfehlungen durch, statt sich in einem Loop zu verlieren.
Gezieltes Teilen statt Öffentlichkeit
Wir haben Sharing nicht als Profil-Feature gedacht, sondern als echte Empfehlung: gezielt an bestimmte Personen, mit Kontext. Das nimmt Social-Media-Druck raus und passt besser zu dem, wie Empfehlungen im echten Leben funktionieren.

Das Design: analoges Gefühl, digitale Alltagstauglichkeit

Eine App, die bewusste Nutzung unterstützen soll, darf sich nicht wie ein klassischer Feed anfühlen. Unser Designziel war deshalb: ruhig, klar, „nicht scrollig“ – aber trotzdem modern und effizient bedienbar.

Karten als Metapher
Empfehlungen sind bei uns einzelne Objekte. Der kartenbasierte Aufbau sorgt dafür, dass Inhalte als Einheit wahrgenommen werden – nicht als Content-Strom.
Reduktion und Materialität
Ein warmes Off-White (#FBF7F7) und ein leichter Grain/Noise-Effekt geben dem Interface einen zurückhaltenden, fast „papierartigen“ Charakter – als Gegenpol zur glatten Plattform-Ästhetik.
Brand statt Ranking: #C3FFB3
Unser leuchtendes Grün (#C3FFB3) ist keine Deko, sondern Brand Identity. Es funktioniert wie ein Textmarker: nicht „was performt“, sondern „was ist für mich wichtig“. Statt Likes und Views gibt es visuelle Markierungen für persönliche Relevanz.
Typografie als Rollenverteilung
Wir nutzen eine Mischung aus Fira Mono für Brand- und Karten-Elemente (objekthaft, archivartig) und SF Pro für UI (funktional, vertraut, ruhig). So trennen wir bewusst Charakter und Bedienung.

Empfehlungen leiden unter Medienbruch und fehlendem Kontext. Ein Songtipp für eine Party bringt nichts am Montagmorgen im Büro. In den aktuellen „Informations-Silos“ (Chats, Browser-Tabs, Saved-Ordner) sind diese Inhalte im entscheidenden Moment oft unauffindbar.

Geschäftsmodell: fair, verständlich, ohne versteckte Kosten

Wenn ein Produkt „gratis“ ist, bezahlt man häufig anders – mit Daten, Aufmerksamkeit und Werbedruck. Da Fundus bewusst ohne diese Mechaniken auskommen soll, braucht es ein Modell, das ehrlich sagt: Infrastruktur kostet.

Unser Vorschlag ist ein einfaches, transparentes Drei-Stufen-Modell:

  • Free: sinnvoll nutzbar zum Einstieg (Empfangen, Sammeln, Teilen – ohne Algorithmus)
  • Plus (3 €/Monat): Cloud-Sync, Backup und Komfort-Funktionen
  • Lifetime (einmalig): für Menschen, die Fundus langfristig als Archiv nutzen wollen

Wichtig ist uns dabei: Das Upgrade ist ein Vorteil, kein Zwang.

Fazit

Fundus ist unser Gegenentwurf zur Aufmerksamkeitsökonomie – nicht als „Anti-App“, sondern als Werkzeug. Eine Oberfläche, die nicht ständig etwas von dir will, sondern dir hilft, Empfehlungen so zu nutzen, wie sie eigentlich gedacht sind: persönlich, kontextvoll und wiederauffindbar.

Wenn wir mit dem Projekt etwas zeigen wollten, dann das: Soziale Produkte müssen nicht automatisch manipulative Mechaniken übernehmen. Man kann auch Services gestalten, die ruhiger sind – und dadurch im Alltag besser funktionieren.