Problemstellung

Designer:innen arbeiten heute in zerrissenen digitalen Umgebungen. Ständig wechseln sie zwischen Tools, Aufgaben und Kommunikationskanälen, fragmentiert durch Unterbrechungen und Zeitdruck. Hinter dieser scheinbaren Effizienz verbirgt sich eine gefährliche Lücke: Die frühe, materiell-iterative Ideationsphase, in der Kreativität überhaupt entsteht, bleibt ungeschützt.

Generative KI-Tools versprechen, die Vielfalt bestehender Programme zu bündeln und Arbeitsabläufe zu beschleunigen. Doch bei näherer Betrachtung verlagert sich das Problem, statt zu verschwinden. Kreativität entsteht nicht im isolierten Geistesblitz, sondern in einem fortlaufenden Zyklus aus Machen, Bewerten und Modifizieren, in dem Skizzen und Entwürfe selbst zu Denkmitteln werden. Gerade diesen Prozess unterlaufen fertige, polierte KI-Ergebnisse: Sie überspringen den materiellen Zyklus und täuschen ein abgeschlossenes Produkt vor.

Hinzu kommt die Tendenz generativer Modelle zu einander ähnlichen, homogenen Ergebnissen und eine neue Form der Fixierung, bei der sich die eigene Ideenfindung an fortlaufenden KI-Vorschlägen ausrichtet und der Lösungsraum sich verengt. Damit steht nicht ein Randaspekt, sondern die eigentliche Wertschöpfung des Designs auf dem Spiel.

Lösung

Mit Fallow habe ich eine digitale Anwendung entwickelt, die die frühe Ideationsphase im Designprozess schützt und unterstützt, statt sie durch KI-generierte Ergebnisse zu ersetzen. Der Name verdichtet das Leitbild in einem Bild: Ein brachliegendes Feld ist nicht ungenutzt, sondern ruht, um später fruchtbar zu werden. Kreatives Denken braucht Phasen der Inkubation, in denen bewusst Abstand genommen wird, während die unbewusste Verarbeitung weiterläuft.

Fallow richtet sich an professionelle Designer:innen, die in fragmentierten, digitalen Arbeitsumgebungen unter Termindruck arbeiten. Die Anwendung setzt genau dort an, wo die Voraussetzungen für kreatives Arbeiten am stärksten gefährdet sind: in den öffnenden Bewegungen des Designprozesses, also der divergenten Ideenfindung und der ersten Konzeptbildung. Das Konzept basiert auf vier Gestaltungsprinzipien, die aus den theoretischen Grundlagen abgeleitet wurden: den Prozess schützen statt Ergebnisse zu liefern, die KI als Impuls und nicht als Autorität einsetzen, das Erzeugen vom Bewerten trennen und Fokus gegen Fragmentierung setzen.

Polierte KI Outputs überspringen
den Kreativen Prozess

Machen · Bewerten · Bewerten sind elementare Eigenschaften kreativer Arbeit

Die vier Gestaltungsprinzipien

Die Module von Fallow sind so aufgebaut, dass sie die vier Gestaltungsprinzipien konkret erfahrbar machen.

Prozess schützen, nicht Ergebnisse liefern

Die Anwendung stützt das materielle, iterative Arbeiten an Ideen und hält den Zyklus aus Machen, Bewerten und Modifizieren offen, anstatt ihn durch fertige Outputs zu überspringen. Das Board ist als offene, unbegrenzte Fläche gestaltet, auf der Ideen als bewegliche Objekte entstehen, verschoben, gruppiert und mit anderen kombiniert werden können.

Erzeugen vom Bewerten trennen

Ideen entstehen zunächst in einem geschützten, wertungsfreien Raum, bevor sie geprüft und verdichtet werden. Ein festes Gate sorgt dafür, dass mindestens eine eigene Idee vorliegt, bevor die KI-Funktion verfügbar wird. Die Schwelle prüft ausschließlich die Existenz, nicht die Qualität der Idee.

KI als Impuls, nicht als Autorität

Die KI bringt auf Abruf andere Blickwinkel ein und erweitert den Lösungsraum, gibt aber weder fertige Lösungen vor noch übernimmt sie die Bewertung. Structurierte Impulse, herausfordernde Fragen und Gegenperspektiven regen zur Reflexion an, ohne die Gestaltungshoheit der Designer:innen anzutasten

Fokus gegen Fragmentierung

Die Anwendung bündelt die frühen Arbeitsschritte an einem ruhigen Ort, reduziert Unterbrechungen und schafft so die Bedingungen für Inkubation und konzentriertes Arbeiten. Ein Coach schützt den Fokus, ohne selbst in die Ideen einzugreifen.

Informationsarchitektur

Die Architektur von Fallow ist bewusst flach gehalten. Sie besteht im Kern aus zwei Ebenen und zwei ruhigen Zusatzschichten, die quer über beiden liegen. Eine klassische Navigation mit mehreren gleichrangigen Bereichen würde die Anwendung selbst in einen Ort verwandeln, der Aufmerksamkeit verteilt.

Die erste Ebene ist das Verzeichnis. Es bildet den Einstieg in die Anwendung und versammelt die einzelnen Arbeitsräume, die jeweils einem Projekt entsprechen. Die zweite Ebene ist der Kreativraum selbst, der eigentliche Arbeitsort der Anwendung. Er ist als offene, unbegrenzte Fläche gestaltet, auf der Ideen als bewegliche Objekte entstehen. Innerhalb dieses Raums durchläuft die Arbeit drei Phasen: eine geschützte divergente Phase, eine anschließende Phase des KI-gestützten Sparrings und eine abschließende Phase des Sichtens und Übergebens. Diese Phasen sind konzeptionell als Zustände desselben Raums angelegt und nicht als getrennte Bereiche.

Quer über beiden Ebenen liegen zwei ruhige Schichten. Die eine ist der Coach, eine unterstützende Funktion, die Benachrichtigungen bündelt und Fokus- sowie Inkubationszeiten sichert. Die andere ist die Schnellnotiz, ein global erreichbarer Eingabepunkt, über den sich flüchtige Einfälle festhalten lassen, auch außerhalb eines geöffneten Raums.

Name, Logo und Designsystem

Gestalterisch setzt Fallow auf eine bewusst ruhige und gedämpfte visuelle Sprache. Als Primärfarbe dient ein gedämpftes Salbeigrün, ergänzt um einen helleren Sekundärton. Den Hintergrund bildet ein warmes Off-White, das eine papierartige, notizbuchhafte Anmutung erzeugt und das Materielle des Arbeitens betont. Text erscheint in einem warmen Anthrazit.

Eine gestalterisch zentrale Entscheidung betrifft die Unterscheidung zwischen menschlich erzeugten Inhalten und den Beiträgen der KI. Eigene Idee-Objekte erscheinen in der warmen Papier- und Salbeiwelt und in einer handschriftlichen Schrift (Reclame Script), die sie als von der Person geschaffen kennzeichnet. Die Beiträge der KI erhalten demgegenüber eine eigene, kühle Behandlung: einen hellen, transluzenten Ton, der sich klar von den warmen Inhalten absetzt, sowie eine gesetzte, nicht handschriftliche Schrift. Damit ist auf einen Blick erkennbar, was von der Person stammt und was ein Impuls der KI ist.

Die Typografie folgt einer klaren Rollenteilung über drei Ebenen: Sauna Pro für Titel und die Stimme der Anwendung, Source Sans für Oberfläche und Fließtext, und Reclame Script ausschließlich für die selbst erzeugten Inhalte.

Das Logo kombiniert den Namen „Fallow" mit einer Bildmarke, die ein ausgespartes „f" in einer runden, salbeifarbenen Form zeigt. Die zwei sich ergänzenden Formen der Marke stehen dabei für die zwei sich ergänzenden Bewegungen des kreativen Prozesses, das Ruhen und das Wachsen. Unter der Wortmarke steht der Claim „Wo Ideen wachsen."

Aufbau der Anwendung

Verzeichnis

Auf dem Verzeichnis bekommt die Person sofort einen Überblick: alle bestehenden Projekträume, die jederzeit im zuletzt verlassenen Zustand wieder aufgenommen werden können. Von hier aus lässt sich ein neuer Raum anlegen oder ein bestehender betreten. Eine neutral organisierte Inbox sammelt Schnellnotizen, die unterwegs aufgenommen wurden und dem passenden Raum zugeordnet werden.

Kreativraum: Phase 1 – Divergenz

Im ersten Schritt sammelt die Person ausschließlich eigene Ideen. Am Rand des Boards liegen Methoden-Karten, die auf Abruf einen strukturierten Denkanstoß geben. Die KI-Funktion ist in dieser Phase sichtbar gesperrt. Das Gate stellt sicher, dass die eigene Idee zuerst kommt, bevor der KI-gestützte Sparring möglich wird.

Kreativraum: Phase 2 – Sparring

Nach der Freischaltung kann die KI als abrufbarer Sparringspartner hinzugezogen werden. Ein ausgewähltes Idee-Objekt erhält einen an das Objekt gebundenen KI-Impuls, der als kühl gestaltete, dem eigenen Inhalt untergeordnete Karte erscheint. Die Reaktion der Person erfolgt nicht als Dialog mit der KI, sondern als neues, eigenes Idee-Objekt.

Kreativraum: Phase 3 – Sichten und Übergeben

Im abschließenden Schritt verschafft sich die Person einen Überblick über die entstandenen Ideen, ordnet sie und markiert jene, die sie weiterverfolgen möchte. Die markierten Ideen lassen sich als kompakte, weiterverwendbare Zusammenstellung ausgeben und an den weiteren Prozess übergeben. Die Bewertung und Auswahl bleiben vollständig beim Menschen.

Schnellnotiz

Die Schnellnotiz erlaubt es, flüchtige Einfälle jederzeit festzuhalten, auch außerhalb eines geöffneten Raums. Aufgefangene Notizen sammeln sich in einem neutralen Eingang und werden von der Person selbst einem Raum zugeordnet.

Die Rolle der KI

Die Einbindung der KI ist der konzeptionell heikelste Teil der Anwendung. Fünf Mechanismen greifen ineinander, um sicherzustellen, dass die KI ein Werkzeug der Reflexion bleibt und nicht zur Autorität wird:

Zeitliche Ordnung: Die KI lässt sich erst nach der ersten eigenen Idee hinzuziehen, sodass der Ausgangspunkt der Ideenfindung von der Person und nicht von einem KI-Vorschlag gesetzt wird.

Strukturierte Form: Statt einer freien Eingabe strukturiert Fallow die KI-Nutzung über vorgegebene Impulstypen. Dies verhindert, dass die Formulierung eines Prompts selbst zum Fixierungspunkt wird.

Erzwungene Vielfalt: Die Impulse werden bewusst aus wechselnden Richtungen angeboten, sodass keine einzelne Vorlage dominant wird und der Lösungsraum offen bleibt.

Bewusstes Nicht-Wissen: Die KI kennt weder ein Briefing noch das Ziel des Projekts; sie bezieht sich ausschließlich auf die Idee-Objekte, die auf dem Board vorliegen.

Ausschluss von der Bewertung: Die KI beurteilt keine Ideen, trifft keine Auswahl und ordnet die Ergebnisse nicht; die Bewertungs- und Qualitätshoheit bleibt sichtbar beim Menschen.

Evaluation

Die Evaluation erfolgt als konzeptionelle Selbstprüfung und gleicht das Konzept mit den Anforderungen ab. In der Zusammenschau adressiert das Konzept alle acht Anforderungen und zeigt damit, dass die Gestaltung die theoretisch begründeten Anforderungen konsistent aufnimmt. Der Abgleich zeigt Stimmigkeit, nicht empirische Wirksamkeit.

Die zentrale Erkenntnis: Der Schutz des kreativen Prozesses gelingt weniger durch das Hinzufügen von Funktionen als durch deren gezielte Zurückhaltung. Die Stärke des Konzepts liegt weniger in dem, was es aufnimmt, als in dem, was es bewusst auslässt.

Ausblick

Der wichtigste nächste Schritt ist die empirische Überprüfung auf Basis eines funktional umgesetzten Prototyps. Darüber hinaus ergeben sich mehrere Entwicklungsperspektiven: eine Erweiterung entlang des Double Diamond in die konvergenten Phasen, eine kollaborative Erweiterung für die Teamarbeit oder ein begleitendes Angebot zur Vermittlung von Kreativtechniken.

Impressionen

Autorin:

Nina Zimmermann

Betreuer:

Prof. Damian Gerbaulet

Prof. Tobias Becker