Die Bachelorarbeit „Digitale Souveränität durch Dezentralität“ untersucht, wie sich digitale Kommunikation und Öffentlichkeit zunehmend in wenige, proprietäre Plattformökosysteme verlagert haben und welche Abhängigkeiten daraus entstehen. Leitend ist die Frage: Wie können dezentrale Web-Prinzipien eine Alternative zu Corporate Networks skizzieren? Ziel ist ein designorientierter Entwurf für ein dezentrales Internet-Profil: Anforderungen werden aus der Problemanalyse abgeleitet, in Kriterien und Designprinzipien überführt und anschließend als prototypischer Clickdummy als nachvollziehbarer Nutzerfluss visualisiert.
Zum Prototyp und zur Konzeptseite:
Prototyp KonzeptseiteTheorie
Was ist das Problem?
Ein großer Teil alltäglicher Online-Aktivitäten findet heute innerhalb weniger, stark regulierter Systeme statt. Diese Plattformen bestimmen Regeln, Zugänge und Sichtbarkeit und verlagern damit Kontrolle über zentrale digitale Räume in die Hand weniger Betreiber.
Wie sind wir zum Problem gekommen?
Das Internet entstand Ende der 1960er Jahre als Forschungsprojekt mit dem Ziel einer dezentralen Kommunikationsstruktur und hoher Ausfallsicherheit. Maßgeblich für die spätere Entwicklung war die Etablierung universeller Protokolle als gemeinsame Kommunikationsregeln. In der weiteren Entwicklung verschob sich das Web jedoch schrittweise von offenen, protokollbasierten Strukturen hin zu Plattformökosystemen, die Nutzung vereinfachen und soziale Vernetzung bündeln, aber zugleich Konzentrationsprozesse begünstigen.
Status Quo und genaue Problembeschreibung
In der Arbeit werden dominante soziale Plattformen wie Instagram oder YouTube als Corporate Networks bezeichnet. Der Begriff verweist darauf, dass Infrastruktur, Zugangsregeln und Geschäftslogik vollständig von einem einzelnen Unternehmen bestimmt werden – im Kontrast zu offenen Netzen, deren Regeln als öffentliche Standards vorliegen und keinem Unternehmen gehören.
Plattformen fungieren dabei als digitale Infrastrukturen, die Interaktionen nicht nur vermitteln, sondern aktiv gestalten. Grundlage ist die intensive Nutzung von Daten: Interaktionen werden erfasst, verarbeitet und in ökonomische Werte überführt. Gesteuert wird diese Vermittlung über Benutzeroberflächen, algorithmische Sortier- und Empfehlungssysteme sowie Nutzungsbedingungen.
Für Nutzer und Anbieter sind diese Infrastrukturen zugleich attraktiv, weil sie Such- und Transaktionskosten senken, Angebote bündeln und Zugang zu großen Märkten und technischer Infrastruktur liefern. Genau diese Vorteile stabilisieren jedoch auch Abhängigkeiten, wenn zentrale Funktionen (Reichweite, Kontakte, Sichtbarkeit) faktisch an ein System gebunden sind.
Ein anschauliches Beispiel sind Plattform-Marktplätze wie Essenslieferdienste: Die Plattform produziert nicht selbst, prägt aber zentrale Bedingungen der Vermittlung – insbesondere Auffindbarkeit und Sichtbarkeit über Architektur, Regeln und Rankings. Wenn relevante Nachfrage über die Plattform entsteht, werden Anbieter von Sichtbarkeit innerhalb des Systems abhängig und müssen sich an Rahmenbedingungen orientieren, um ihre Zielgruppe zu erreichen.
Auswirkungen auf digitale Souveränität
Die Arbeit ergänzt die Problembeschreibung um eine normative Perspektive: Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit, im digitalen Raum selbstbestimmt zu handeln – auf Basis autonomer Kontrolle über eigene Daten und der Verfügbarkeit vertrauenswürdiger technologischer Alternativen. Untersucht wird sie anhand von vier Dimensionen, die durch Plattformlogik unter Druck geraten: Kontrolle über digitale Identität und Daten, reale Wahlfreiheit und Wechselmöglichkeit, Transparenz algorithmischer Vermittlungslogiken sowie Mitbestimmung über Regeln digitaler Teilhabe.
- Kontrolle über digitale Identität & Daten
- Digitale Identität umfasst Profilangaben, Identifikatoren, soziale Beziehungen (z. B. Kontaktlisten/Follower-Graph), veröffentlichte Inhalte sowie Nutzungs- und Metadaten. Kontrolle bedeutet mehr als die Verwaltung eines Kontos: zentral sind Transparenz über Datenerhebung, Einfluss auf Erhebung/Speicherung/Zugriff sowie die Möglichkeit, zentrale Bestandteile in nutzbaren Formaten zu exportieren, zu übertragen oder zu löschen.
- Wahlfreiheit & Wechselmöglichkeiten
- Souveränität hängt wesentlich von realen Exit-Optionen ab: Ein Wechsel soll möglich sein, ohne wesentliche Teile digitaler Teilhabe zu verlieren. In plattformisierten Räumen ist Wechsel sozial und praktisch teuer (Kontakte, Gruppen, Reichweite, Inhalte, Routinen). Portabilität und Interoperabilität werden damit zu zentralen Hebeln.
- Transparente, überprüfbare Vermittlungslogiken
- In Corporate Networks entscheiden Ranking, Empfehlungen und Moderation maßgeblich über Sichtbarkeit. Wenn Regeln und Kriterien intransparent bleiben, entsteht Anpassungsdruck, weil sich Nutzer und Anbieter an vermuteten Signalen orientieren müssen. Eine souveränitätsorientierte Alternative muss Vermittlung verständlich und überprüfbar organisieren.
- Mitbestimmung über Regeln digitaler Teilhabe
- Da soziale Plattformen faktisch Kommunikations- und Öffentlichkeitsräume bereitstellen, haben Entscheidungen über Moderation, Zugang und Sichtbarkeit unmittelbare Auswirkungen auf soziale Teilhabe. Souveränität betrifft damit auch die Legitimation, Mitgestaltung und Anfechtbarkeit von Regeln.
Lösung und Konzept
Eine mobile App als „Fusion“ aus Domain, RSS und Ringen
Der Entwurf ist als mobile-first App gedacht, weil Social-Media-Nutzung überwiegend mobil stattfindet. Perspektivisch gehört eine Web-Version zum Konzept (Zugänglichkeit ohne App-Store/Plattformbindung), im Rahmen der Arbeit wurde jedoch die App-Variante ausgearbeitet.
Kernidee ist eine Trennung von Output und Input: Inhalte entstehen nicht „in der Plattform“, sondern werden unter der eigenen Domain veröffentlicht (Output). Gelesen und gebündelt werden Inhalte über RSS in einem Reader (Input). Für Vernetzung und Entdeckung ergänzt das Konzept RSS um Ringe – webring-ähnliche, listenbasierte Strukturen statt zentralem Social Graph (Connection).
Als Nutzungskern leitet der Entwurf drei Tätigkeiten ab: Feed abrufen, selbst veröffentlichen und Verbindungen über Ringe organisieren. Die Navigation ist deshalb auf zwei Kernbereiche reduziert: Feed und Profil (inkl. Publizieren).
Wie das in der App umgesetzt wird
OUTPUT: Profil + Builder
Im Entwurf ist das Profil der stabile Ort: Identitätsbereich (z. B. Nutzername/Domain/Kurzbeschreibung/Links) plus öffentliche Beitragsliste. Das Erstellen eines Beitrags passiert bewusst im Profil – als UI-Entscheidung, die den „eigenen Ort“ betont, statt einen separaten zentralen Plattform-Editor zu bauen.
Der Builder ist minimal (ähnlich einer Notiz-App): wenige Schritte, wenige klar definierte Elemente. Unterstützt werden kurze und lange Texte sowie Medien (Bild/Video/Audio). Beiträge können als Entwurf gespeichert, in einer Vorschau geprüft und anschließend veröffentlicht werden; grundsätzlich bleiben sie bearbeitbar. Komplexität wie Themes, Seitenhierarchien oder Layoutmechaniken wird bewusst vermieden.
Beim Publizieren entsteht aus jedem Beitrag eine eigenständige Seite unter der eigenen Domain: eigener Link (URL), referenzierbar, teilbar, langfristig erreichbar. Gleichzeitig aktualisiert sich das Profil als öffentliche Chronik. Damit bleiben Beiträge als Web-Ressourcen unabhängig vom verwendeten Client/Reader zugänglich.
INPUT: Reader
Der Feed ist im Entwurf die zentrale Konsumoberfläche. Quellen werden als Domain oder Feed-URL hinzugefügt und abonniert. Der Reader bündelt diese Feeds und verweist beim Lesen auf die Originalveröffentlichung (kein eigenes „Plattformarchiv“, sondern Quellenbindung).
Für die Organisation nutzt der Reader Tags – nicht als Plattformkanäle, sondern als Struktur, um Quellen thematisch zu bündeln und kontextbezogene Feed-Ansichten zu erzeugen. Standard ist eine chronologische Sortierung, weil sie nachvollziehbar ist und keine intransparente Gewichtung voraussetzt; abweichende Sortierungen sind im Entwurf als Opt-in gedacht (optional, z. B. via Plugins), nicht als Standardmechanik.
Auch UI-Details sind Teil der Aussage: Refresh ist im Entwurf nicht als Pull-to-Refresh mit „Slot-Machine“-Effekt gedacht, sondern als bewusster „Aktualisieren“-Button; zudem bleibt die Position im Feed erhalten.
CONNECTION: Ringe
Ringe sind im Kern öffentlich einsehbare, mitnehmbare Listen von Domains. Sie orientieren sich an klassischen Webring-Prinzipien: nicht einzelne Links, sondern listenbasierte Bündel, über die sich Seiten systematisch entdecken lassen.
In der App werden Ringe über zentrale Screens abgebildet (Ring-Übersicht, Ring-Detail, Beitrittsprozess). Ein abonnierter Ring erscheint anschließend als eigene Feed-Ansicht im Reader, die Inhalte der enthaltenen Domains gebündelt darstellt (ähnlich einer tagbasierten Kategorie, nur als explizite, öffentlich nachvollziehbare Liste).
Es gibt zwei Ring-Typen:
Community-Ringe bilden Gruppen ab (Opt-in: eine Domain wird nur Teil eines Rings, wenn Zugehörigkeit aktiv signalisiert und von Moderation bestätigt wird).
Kuratierte Ringe funktionieren als thematische Empfehlungsliste (Playlist-Logik). Domains müssen nicht zustimmen, können aber eine Aufnahme sichtbar bestätigen („Bestätigung“), um Vereinnahmung zu reduzieren.
Mitnehmbarkeit ist dabei Prinzip: Listen sollen exportierbar bleiben, damit Ringe keine neuen Lock-ins erzeugen.
Wie das Konzept die Probleme adressiert
- Kontrolle über digitale Identität & Daten
- Die Domain wird zum stabilen Identitätsanker: Profil, Beiträge und Archiv bleiben über eigene URLs erreichbar. In der App wird das über Profilseite + Builder umgesetzt: Inhalte entstehen im eigenen Webraum und werden nicht an ein plattformgebundenes Konto gebunden.
- Wahlfreiheit & Wechselmöglichkeiten
- RSS entkoppelt Quelle und Darstellung: Inhalte bleiben auf der Domain und können von unterschiedlichen Readern abgerufen werden. Im Entwurf wird das durch die Reader-Logik (Quellen als Domains/Feed-URLs) sowie durch Export-/Import-Ideen (z. B. OPML für Abonnements, Mitnehmen von Listen/Tags) gestützt, um erneuten Lock-in zu vermeiden.
- Transparente, überprüfbare Vermittlungslogiken
- Statt eines intransparenten Plattformfeeds entstehen Sichtbarkeit und Rezeption über explizite Abonnements, sichtbare Ordnung (Tags) und chronologische Standards. Alternative Sortierungen sind als optionale Erweiterung gedacht – nicht als standardmäßige, verdeckte Priorisierung.
- Mitbestimmung über Regeln digitaler Teilhabe
- Der Entwurf verschiebt Vernetzung und Discovery weg von einem zentralen Betreiber hin zu sichtbaren, listenbasierten Strukturen (Ringe), deren Auswahl und Beziehungen einsehbar bleiben. Governance wird damit nicht „gelöst“, aber die zentrale Gatekeeper-Position eines Corporate Networks wird als Strukturprinzip vermieden.
Im Entwurf ist Design nicht nur Oberfläche, sondern Teil der Problemlösung: Damit eine souveränitätsorientierte Alternative im Alltag überhaupt genutzt werden kann, muss sie mehr Kontrolle ermöglichen, ohne zusätzliche Komplexität zu erzeugen – deshalb wird die Nutzung auf wenige Kernhandlungen reduziert (Feed abrufen, veröffentlichen, Verbindungen über Ringe), und die Navigation bleibt bewusst schlicht (Feed + Profil/Publizieren). Gleichzeitig werden Dark Patterns als Gestaltungsprinzip vermieden: Die Aktualisierung ist nicht als Pull-to-Refresh mit „Slot-Machine“-Effekt umgesetzt, sondern als expliziter Aktualisieren-Button, wobei die Position im Feed erhalten bleibt, um keinen endlosen Reset und keine variable „Belohnung“ durch Refresh-Schleifen zu erzeugen. Ergänzend setzt der Entwurf auf strukturelle Verständlichkeit (bewusste Quellenwahl, Tags als sichtbare Ordnung, chronologische Darstellung als Standard) statt auf intransparente Priorisierung. Auch Barrierefreiheit und Anpassbarkeit sind explizit mitgedacht: Typografisch wird Atkinson Hyperlegible zur besseren Lesbarkeit eingesetzt, und das System ist von Beginn an als themefähig (hell/dunkel und darüber hinaus) sowie modular erweiterbar gedacht – nicht nur ästhetisch, sondern um langfristig unabhängig von einer einzelnen Oberfläche oder einem Anbieter zu bleiben.
Fazit
Die Arbeit zeigt, dass digitale Plattformen als Corporate Networks nicht nur technische Angebote sind, sondern Infrastrukturen, in denen wenige Betreiber Regeln, Zugänge und Sichtbarkeit definieren – stabilisiert durch Netzwerkeffekte und datenbasierte Geschäftsmodelle. Als Antwort darauf skizziert der Entwurf, inwiefern sich zentrale Funktionen aktueller Plattformen mit deutlich einfacheren, offenen Web-Prinzipien abbilden lassen: Domain, RSS und Ringe werden zu einem nutzerzentrierten Konzept zusammengeführt und als Clickdummy erfahrbar gemacht. Der Prototyp dient dabei als Denkanstoß und als Mittel, die Nutzungslogik nachvollziehbar zu machen – nicht als vollständige technische Implementierung.