The Art of Thinking Clearly - Rolf Dobelli
In unserem Alltag werden wir mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Entscheidungen und schwierigen Situationen konfrontiert.
Wie handeln wir in diesen am Besten? Wie entscheiden wir uns? Wie lösen wir diese Konflikte oder Probleme?
Grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass wir logisch handeln. Dass jede unserer Handlungen die Folge einer Ursache ist und unser Denken für Jeden nachvollziehbar Sinn macht. Wir Menschen halten uns für rationale Wesen. Fähig, immer logisch zu urteilen und grundsätzlich kluge Entscheidungen zu treffen.
Doch tatsächlich weicht unser Denken häufig von der Vernunft ab und wir fallen einer Intuition oder Irrationalität zum Opfer, die wir von unserem Standpunkt im ersten Moment vielleicht garnicht sehen können. Diese sogenannten kognitiven Fehler sind allerdings keine Zufälle, sondern tief verwurzelte Muster, die sich über Generationen hinweg in unserem Verhalten und Denken gefestigt haben. Denn auch wenn unser Körper erstaunlich perfekt funktioniert, so denkt unser Geist doch hin und wieder fehlerhaft.
Kerninhalt #1: Kognitive Fehler
Menschliches Denken ist kein reines Produkt unserer Logik, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Emotionen, Instinkten und Erfahrungwn. Dementsprechend besitzten eine Vielzahl an kognitiven Fehler, die sich dabei kaum einem einzelnen Thema unterordnen lassen. Dobelli beschreibt sie allgemein als ein “Abweichen” unseres rationalen Denkens, da sie grundlegend weniger spontan stattfinden, sondern fest in uns verbaut sind. Wir irren uns also nicht einfach ausversehen, sondern vielmehr weil unser Gehirn bestimmten Mustern folgt, die früher einmal überlebenswichtig waren.
Schuld dafür sind unter Anderem auch sogennante Heuristiken – mentale Abkürzungen (oder eben Faustregeln), die in vielen Situationen nützlich und für unser Denken schnell zugänglich sind, aber ganz leicht in die Irre führen können. Diese Denkfehler zu kennen bedeutet nicht, sie vollständig zu vermeiden. Aber sie zu erkennen, ermöglicht uns, unsere Entscheidungen bewusster zu treffen.
99 solcher kognitiver “Fehler” hat Ralf Dobelli in seinem Buch “The Art of Thinking Clearly” zusammengefasst:
Ein besonders greifbares Beispiel in diesem Zusammenhang ist hierbei der sogenannte Action Bias. Die Tendenz, lieber Irgendetwas zu tun, als nicht zu Handeln. Besonders in Momenten der Unsicherheit oder Entscheidungsnot neigen wir dazu, aktiv zu werden, auch wenn Abwarten die bessere und rationalere Entscheidung wäre. Statt innezuhalten, kompensieren wir Unklarheit oft mit Aktionismus und machen damit die Dinge meist eher schlimmer.
All of humanity’s problems stem from man’s inability to sit quietly in a room alone.
Kerninhalt #2: Irrationalität
Denken ist ein biologisches Phänomen, welches ebenfalls von unserer Evolution beeinträchtigt wurde. Unsere heutigen Denkstrukturen entstanden in einer Zeit, als wir noch Jäger und Sammler waren. Damals war schnelles, intuitives Handeln überlebenswichtig. Heute jedoch leben wir in einer hochkomplexen Welt, in der einfache Instinkte oft in die Irre führen. Je komplexer und ausgeprägter unsere Umgebung wird, desto deutlicher wirken sich diese Denkfehler aus und desto größer sind auch ihre Folgen.
Die Spannung zwischen rationalem Denken und Irrationalität ist dabei zentral:
Während Logik als überlegen gilt, lassen sich Emotionen und Instinkte kaum durch reines Denken kontrollieren. Wir handeln also nicht wie perfekt logische Maschinen, sondern wie emotionale Wesen, die gelegentlich versuchen, logische Entscheidungen zu treffen. Abweichungen von rationalem Denken sind also keine Zufälle, sondern systematische Muster, die tief in unserer biologischen und psychologischen Natur verwurzelt sind.
Aber wie entsteht diese Irrationalität? Weshalb weichen wir von unserer Logik ab?
Dobelli spricht hierfür die beiden Prinzipien der Hot und Cold Irrationality an.
HOT IRRATIONALITY:
Das Prinzip der Hot Irrationality beruht auf dem Denken, dass Logik grundsätzlich unsere Gefühle und Emotionen in Schach halten kann. Logik an sich ist immer ein logischer Vorgang = das ist absolut nicht anzweifelbar. Wenn Emotionen allerdings überwiegen kann es vorkommen, dass sie das Denken überwältigen und wir nach unseren Instinkten handeln. Dies wird dem Ausbrechen eines Vulkans verglichen = heiße Irrationalität.
COLD IRRATIONALITY :
Die Cold Irrationality geht im Gegensatz dazu davon aus, dass unser Denken selbst bereits fehlerhaft ist. Im Alltag fällt uns dies nicht weiter auf, da sich diese systematisch verhalten und wir sie daher bereits von Natur aus umgehen oder aber bewusst verhindern. Doch in Ausnahmesituationen kommen diese dann doch hin und wieder zum Tragen.
Kerninhalt #3: Via Negativa
Auf die Frage, wie er den David erschaffen habe, soll Michelangelo geantwortet haben:
„Es ist ganz einfach. Ich habe alles entfernt, was nicht David war.“
Diese Aussage bringt das Konzept der Via Negativa auf den Punkt: Vollkommenheit entsteht nicht durch das Hinzufügen neuer Elemente, sondern durch das konsequente Entfernen des Überflüssigen. Statt immer mehr Wissen anzuhäufen, sollte man Dinge weglassen, die schaden, stören oder verwirren. Dobelli überträgt diese Denkweise auf den Alltag und Treffen von Entscheidungen: Statt ständig neue Erfolgsstrategien zu suchen, ist es häufig sinnvoller, einfach die Fehlerquellen zu beseitigen:
„Negative knowledge (what not to do) is much more potent than positive knowledge (what to do).“
Das Prinzip der Via Negativa steht in engem Zusammenhang mit unseren bereits bekannten Denkfehlern. So zum Beispiel im bereits erwähnten Action Bias, also der Neigung, lieber zu handeln als abzuwarten. Menschen glauben intuitiv, dass Aktivität zu besseren Ergebnissen führt.
Kerninhalt #4: Circle of Competence
In Kapitel 16 greift Dobelli zum ersten Mal den Begriff des “Circles of Competence” auf, den er später als Hilfestellung zum Umgehen mit kognitiven Fehlern empfiehlt. Dobelli unterscheidet hier zwischen echtem Wissen und dem, was er „Chauffeur-Wissen“ nennt. Echtes Wissen entsteht durch Erfahrung, tiefes Verständnis und kritisches Denken. Chauffeur-Wissen dagegen ist oberflächlich, denn auch wenn man über ein Thema sprechen kann so heißt dies noch lange nicht, dass es auch tatsächlich verstanden wurde.
Genau hier setzt der Circle of Competence an:
Es geht nicht darum, in jedem Bereich Experte zu sein, sondern darum, seine Grenzen zu kennen. Menschen neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen und Urteile über Dinge zu fällen, die außerhalb ihres Kompetenzbereichs liegen. Innerhalb dieses Kreises können wir fundierte Entscheidungen treffen; außerhalb davon bewegen wir uns schnell im Bereich des gefährlichen Halbwissens.
Die Größe deines Wissenskreises ist dabei überhaupt nicht entscheidend; du solltest deine Grenzen kennen.
Ein kleiner, klar umrissener Kompetenzbereich ist um Einiges wertvoller als ein scheinbar großer, aber unscharfer. Wer ehrlich anerkennt, was er nicht weiß, kann Risiken besser einschätzen und Fehleinschätzungen vermeiden. In unserer heutigen Welt, in der Information jederzeit verfügbar ist, verwechseln viele Zugang zu Wissen mit direktem Verständnis. Der Circle of Competence erinnert uns daran, dass Informationen erst durch kritische Auseinandersetzung zu echtem Wissen werden. Nur so können wir stabile, fundierte Urteile bilden.
Outro
Dobellis Buch ist nicht als Anleitung zu verstehen, all diese Fehler zu vermeiden. Vielmehr soll unser Bewusstsein geschärft werden, die einzelnen Mechanismen und Zusammenhänge zu verstehen und im Alltag auch zu erkennen und anzuwenden. Kognitive Fehler haben keine Wertung, sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Vielmehr kommt es auf die Situation und den Zusammenhang an. Rationalität ist keine angeborene Fähigkeit, sondern eine Disziplin. Wer sein eigenes Denken versteht und sein eigenes Wissen verordnen kann, kann klarer, ruhiger und weiser handeln.
Wer ist Rolf Dobelli? Rolf Dobelli ist ein Schweizer Autor, Unternehmer und Denker, der sich intensiv mit menschlichem Entscheidungsverhalten beschäftigt. Er studierte Philosophie und Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen, gründete, leitete unter Anderem mehrere Unternehmen und ist der Gründer von World.Minds. Zudem war er früher TV-Moderator und schreibt noch immer regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Medien, er bezeichnet sich selbst allerdings nicht als Autor. 2013 wurde Dobelli nach dem Erfolg von “The Art of Thinking Clearly” vorgeworfen, Ideen anderer Autoren ohne klare Quellenangabe übernommen zu haben. Er und sein Verlag bestritten absichtliches Plagiat, räumten aber einzelne Fehler ein und überarbeiteten spätere Auflagen. Die hier dargestellten Informationen behalten allerdings natürlich trotzdem ihren Wert.